Natalie
Pavlovic über ein bedingungsloses Grundeinkommen
Für
einen Bürgerrettungsschirm
Ein
Artikel aus der Taz vom 14./15. April 2012
Seit
Jahren wüten weltweit abwechselnd Finanzkrise,
Staatsschuldenkrise, Eurokrise und wieder Finanzkrise.
Fast täglich gibt es neue Schreckensszenarien über
den
drohenden Zusammenbruch des Euroraums, der Banken oder der
Börsen. Sie zerstören das Vertrauen der Menschen in
die Sicherheit der Finanzbranche. Doch ausgerechnet dieser
übertrug die Politik im vergangenen
Jahrzehnt verstärkt die Aufgabe, für die
existenzielle Sicherung der Bürgerinnen zu sorgen.
Seit Beginn der Krise des Sozialstaats werden staatlichen
Sicherungssysteme radikal zurückgestutzt.
Private Versicherungskonzerne widmen sich dem lukrativen
Vertrieb von
Die
soziale Absicherung der Menschen gehört allein in
staatliche Obhut
Riester-produkten.
Und nun wird auch noch eine private Pflegeversicherung gefordert.
Doch die Frage wovon wir im Alter leben werden oder was im
Pflegefall passiert, sollte nicht in den Händen jener liegen,
die
für den globalen Beinahekollaps verantwortlich sind. Deshalb
gehört die soziale Absicherung dorthin, wo sie mehr als ein
ganzes
Jahrhundert auch hauptsächlich verortet war: in staatliche
Obhut.
Niemand sonst kann als zuverlässigerer Garant Risiken wie
Krankheit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit abfedern,
wenn
die Finanzbranche kollabiert. Es ist an der Zeit, die Systemfrage
sozialer Sicherung zu stellen. Das führt zu einer anderen,
radikalen sozialpolitischen Maßnahme: dem bedingungslosen
Grundeinkommen, das der Staat allein ohne Gegenleistung
gewährt. Es
wäre angesichts der täglich neuen Verunsicherung der
Menschen
die richtige Antwort auf die Dauerkrise. Nur die bedingungslose
Absicherung führt zu einem guten Leben, frei nach dem Motto:
Nur
wer isst, kann seine Kreativität ausleben, sich
persönlich
entfalten, seine Energien gemeinschaftlichen Aufgaben und
Herausforderungen widmen. Es drängt denn
Niedriglöhne,
prekäre Beschäftigungen, Angst vor Hartz IV und
sozialem
Abstieg sind durch die Krise immer weiter verbreitet. Es bleiben
Entfaltungsmöglichkeiten auf der Strecke, die elementar
für
das Funktionieren der Gesellschaft sind. Diese soziale
Realität
bedeutet einen massiven Freiheitsverlust, den nur ein bedingungsloses
Grundeinkommen beenden kann. Es wäre ein Impuls für
eine
wirklich neue Gesellschaft, eine neue, ganz andere, bessere Zukunft:
einen Staat, der bedingungslos seine Bürger
unterstützt,
statt bedingungslos Banken zu retten.
Natalie Pavlovic, 28, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin
bei den Grünen im Stuttgarter Landtag.
Seit 2011 ist sie taz-Genossin
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Piraten
weiter im Aufwind
Aus
Notwehr geboren
Ein
Kommentar aus der der Samstagsausgabe der Ruhr-Nachrichten vom
31.März 2012
Gegründet
haben sie sich schon 2006 zur politischen Macht aber wurden sie erst
durch ihre Wahl ins Berliner Abgeordnetenhaus: die Piraten. Bei der
Landtagswahl im Saarland hat sich die Hoffnung der etablierten Parteien
endgültig zerschlagen, so ein Chaotenverein wie die Piraten
können nur in Berlin ins Parlament enziehen und laut Forsa
sagen inzwischen 24 Prozent der Deutschen, sie könnten sich
durchaus vorstellen, sich bei der nächsten Wahl für
die Piraten zu entscheiden. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass
die Piraten im herkömmlichen Sinne gar keine Partei sind. Sie
wollen weder regieren, noch bemühen sie sich um eine
attraktive Parteispitze mit der sie gegen die übrigen Parteien
antreten könnten; von einem Parteiprogramm ganz zu schweigen.
Eine Partei, die sich um Sitze im Parlament bemüht, ohne
regieren zu wollen, aber führt das System der
parlamentarischen Demokratie ad absurdum. Ihre Mitglieder lehnen die in
den Parlamenten praktizierte Form der Demokratie ab. Sie fordern
Basisdemokratie, eine transparente Gesellschaft und politische
Strukturen, die gewährleisten, dass Entscheidungen nicht
allein von den Mächtigen hinter verschlossenen Türen
getroffen werden,
sondern
unter Beteiligung der Öffentlichkeit fallen. All das aber
wiederspricht dem wichtigsten Interesse der übrigen Parteien,
nämlich der Konzentration der Nacht in ihren Händen.
Was aber hat die zumeist jungen Mitglieder der Piraten dazu gebracht,
in die Politik zu gehen? Aleks Lessmann,
Geschäftsführer der Piraten in Bayern hat darauf die
vermutlich treffendste Antwort gegeben: " Politiker sind wir aus
Notwehr geworden." Anlass dazu war für Zehntausende
Computerfans die Absicht der Politiker, ihnen durch ein
Urheberrechtsabkommen den freien und kostenlosen Zugang zu Filmen,
Musik und Informationen im Internet zu nehmen. Ihr Widerstand dagegen
war nicht nur erfolgreich, sondern er lies sie vor allem die Welt der
Politik entdecken. Und was sie entdeckten, war die geschlossene
Gesellschaft der politischen Klasse und damit ihr eigentliches
Erfolgsthema, nämlich ihre Fundamentalposition gegen diesen
Zustand. Das hat ihnen die Chance eröffnet, zur Partei derer
zu werden, die sichvon allen anderen Parteien abgewandt haben - und das
sind viele.
Karl
Feldmeyer
Der Autor war mehr als 20
Jahre lang bundespolitischer Korrespondent und ist Träger des
Theodor-Wolff-Preises.
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